Opportunitätskosten sind der Nutzen, der entgeht, weil eine Ressource anders eingesetzt wird. Bei einer Zertifizierung heißt das: Was hätten die Stunden erwirtschaftet, die in Prozessbeschreibungen, Schulungen und Auditgespräche geflossen sind? Die Frage klingt akademisch, entscheidet aber häufig darüber, ob ein Vorhaben intern durchgeht.
Wo sie wirklich anfallen und wo nicht
Opportunitätskosten entstehen nur dort, wo die Zeit knapp ist. Das ist die Unterscheidung, die in den meisten Rechnungen fehlt.
Bei einem Sachbearbeiter mit normaler Auslastung entstehen kaum Opportunitätskosten. Die Arbeit verschiebt sich, sie entfällt nicht. Hier ist die interne Aufwandsschätzung die richtige Größe.
Anders bei Engpassrollen: der eine Konstrukteur, der Vertriebsleiter mit laufenden Verhandlungen, die Geschäftsführung, der Meister an der einzigen Anlage. Deren Zeit ist nicht verschiebbar. Was sie während des Projekts nicht tun, wird nicht nachgeholt, sondern fällt aus. Genau diese Personen sitzen im Audit mit am Tisch, weil sie die Prozesse verantworten.
Prüfen Sie Ihre Projektbesetzung deshalb einmal auf diese Frage: Wer ist Engpass und wer nicht? Nur für die erste Gruppe rechnen Sie Opportunitätskosten.
Die Auditwoche ist der teuerste Zeitraum
Während des Audits ist der Zugriff auf mehrere Führungskräfte gleichzeitig blockiert, und der Termin liegt fest. Ein Kundenbesuch lässt sich verschieben, ein Audittermin nur mit Vorlauf und meist gegen Gebühr.
Der Effekt verstärkt sich im Schichtbetrieb, wenn der Auditor Abläufe außerhalb der Regelarbeitszeit sehen will — siehe Schichtbetrieb und Auditaufwand. Und er verstärkt sich bei mehreren Normen im selben Jahr. Ein kombiniertes Audit bündelt die Bindung Ihrer Leute auf einen Zeitraum, statt sie dreimal zu wiederholen; dazu Mehrere Normen gleichzeitig.
Die Gegenrechnung, die meist vergessen wird
Opportunitätskosten haben zwei Seiten. Wer nicht zertifiziert ist, wird bei Ausschreibungen nicht zugelassen, verliert Lieferantenfreigaben oder muss Kundenaudits einzeln bestehen — jedes davon mit eigenem Aufwand. Auch das ist entgangener Nutzen.
Eine Vorlage, die nur die Kosten der Zertifizierung ausweist, führt deshalb systematisch zu einem Nein. Stellen Sie beide Seiten nebeneinander und benennen Sie den Fall, in dem sich das Vorhaben nicht rechnet: Wenn kein Kunde danach fragt und keine Ausschreibung es verlangt, ist die Antwort tatsächlich Nein.
Wie Sie damit intern umgehen
Schreiben Sie Opportunitätskosten nicht in die Budgetzeile. Ein Controller streicht sie, weil ihnen keine Zahlung gegenübersteht — zu Recht. Sie gehören in die Entscheidungsvorlage, klar getrennt von den zahlungswirksamen Kosten aus Zertifizierungskosten im Budget planen.
Der wirksamste Hebel ist ohnehin nicht die Bewertung, sondern die Verteilung. Ein Vorhaben, das über zwölf Monate läuft, bindet Engpassrollen in kleinen Portionen. Eines, das in acht Wochen durchgezogen wird, trifft sie voll. Welche Zeiträume realistisch sind, steht unter Dauer der Zertifizierung.
