Sparhebel

Mehrere Normen gemeinsam zertifizieren

Zwei Normen gemeinsam auditieren zu lassen spart 30 bis 50 Prozent auf die zweite. Voraussetzung ist aber, dass die Systeme tatsächlich integriert sind — nicht bloß gleichzeitig vorhanden.

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Geschäftsführer und Controllerin rechnen ein Zertifizierungsangebot durch

Wer mehr als eine Norm braucht, sollte sie nicht nacheinander einführen. Der Grund ist struktureller Natur: Seit der Revision 2015 folgen alle Managementsystemnormen derselben Grundgliederung — der harmonisierten Struktur.

Was sich überschneidet

NormkapitelGemeinsamNormspezifisch
4 KontextWeitgehend identischDer jeweilige Betrachtungsgegenstand
5 FührungNahezu identischBei ISO 45001 zusätzlich Beteiligung der Beschäftigten
6 PlanungStruktur identischUmweltaspekte, Gefährdungen, Risikobeurteilung nach Anhang A
7 UnterstützungWeitgehend identischFachliche Kompetenzanforderungen
8 BetriebRahmen identischDer eigentliche fachliche Kern
9 BewertungNahezu identischNormspezifische Kennzahlen
10 VerbesserungNahezu identisch

Grob die Hälfte des Systems ist normübergreifend. Genau dieser Teil muss im integrierten Audit nur einmal geprüft werden.

Die Voraussetzung

Die Ersparnis setzt ein tatsächlich integriertes System voraus. Das bedeutet konkret:

  • eine Dokumentenlenkung,
  • eine Prozesslandkarte, in der die verschiedenen Anforderungen zusammenlaufen,
  • ein Auditprogramm, das alle Normen abdeckt,
  • eine Managementbewertung mit allen erforderlichen Eingaben,
  • ein Verfahren für Abweichungen und Korrekturmaßnahmen,
  • Verfahrensanweisungen, die die jeweils normspezifischen Ergänzungen enthalten statt sie zu duplizieren.

Wer drei Handbücher pflegt, hat drei Systeme — und bekommt kein integriertes Audit, sondern drei Audits mit Terminrabatt.

Sinnvolle Kombinationen

ISO 9001 + ISO 14001 + ISO 45001. Der Klassiker im produzierenden Gewerbe. Identische Struktur, dieselben Ansprechpartner, häufig dieselbe Auditorenqualifikation. Die höchste Ersparnis der gängigen Kombinationen.

ISO 14001 + ISO 50001. Sinnvoll, wenn Energie der bedeutendste Umweltaspekt ist. Achtung: ISO 50001 verlangt eine deutlich tiefere energetische Analyse, als ISO 14001 sie fordert — die Kombination spart Auditaufwand, aber nicht die inhaltliche Arbeit.

ISO 27001 + ISO 27701. Bauen ohnehin aufeinander auf; ISO 27701 setzt ein bestehendes ISMS voraus.

ISO 9001 + IATF 16949. Kein echter Wahlfall, sondern zwingend: IATF setzt ISO-9001-Konformität voraus.

Integriert ist nicht dasselbe wie gleichzeitig

Die beiden Begriffe werden im Vertrieb gern vermischt. Ein kombiniertes Audit heißt: Zwei Normen werden im selben Termin von einem Team geprüft, die Bewertung läuft aber getrennt. Ein integriertes Audit prüft die gemeinsamen Systemelemente einmal und bewertet sie für beide Normen. Nur der zweite Fall senkt die Audittage nennenswert.

Prüfen Sie das an einer einzigen Stelle im Angebot: Steht für die zweite Norm eine eigene, ungekürzte Tagesmenge, ist es kein integriertes Audit — unabhängig davon, was im Anschreiben steht. Lassen Sie sich die eingesparten Tage ausweisen, siehe Angebote vergleichen und Multinorm-Rabatt.

Ein zweites Missverständnis betrifft die Bezugsgröße. Die Ersparnis wirkt auf die Audittage, nicht auf die Vorbereitung. Die normspezifische Arbeit — Umweltaspekte ermitteln, Gefährdungen beurteilen, Anhang A anwenden — fällt vollständig an. Wer den Nachlass auf das Gesamtprojekt hochrechnet, verfehlt sein Budget deutlich.

Was integrierte Systeme im Audit typischerweise kostet

Die häufigsten Feststellungen entstehen genau an der Nahtstelle, die den Vorteil bringt:

  • Die Managementbewertung behandelt Qualitätsthemen ausführlich, Umwelt- und Arbeitsschutzziele nur nebenbei. Die geforderten Eingaben gelten aber je Norm vollständig.
  • Das interne Auditprogramm deckt eine der Normen über den Zyklus nicht ab. Häufig trifft es ISO 45001, weil Arbeitsschutz als Sache der Fachkraft für Arbeitssicherheit gilt und nicht als Gegenstand des Auditprogramms.
  • Die Kennzahlen sind zusammengeführt, die Verantwortlichkeiten nicht. Wenn niemand benennbar ist, der die Umweltziele fortschreibt, hilft ein gemeinsames Dokument nichts.

Eine Feststellung in einem gemeinsamen Kapitel wirkt auf alle Normen zugleich. Das ist der Preis der Integration — und ein Grund, gerade diese Kapitel sorgfältig zu führen, statt sie als erledigt zu betrachten, weil sie schon einmal auditiert wurden.

Wie die Zyklen zusammenkommen

Wer nachträglich integriert, hat zunächst zwei Zertifikate mit unterschiedlichen Ablaufdaten. Zusammengeführt wird das über eine Anpassung der Laufzeit: Das später erworbene Zertifikat wird auf das Ende des bestehenden Zyklus gezogen, damit beide Normen gemeinsam in die Rezertifizierung gehen. Das bedeutet einmalig eine verkürzte Laufzeit für die zweite Norm. Rechnerisch ist das ein Nachteil, der sich ab dem folgenden Zyklus mehrfach zurückzahlt. Wie die Laufzeit bemessen wird, steht unter Zertifikatslaufzeit.

Planen Sie diese Angleichung aktiv. Wer sie der Zertifizierungsstelle überlässt, bekommt sie oft erst zur nächsten Rezertifizierung angeboten — und zahlt bis dahin zwei getrennte Zyklen mit zwei Anreisen.

Wann sich die Kombination nicht lohnt

Wenn eine der Normen niemand verlangt. Ein Rabatt auf eine Zertifizierung, die kein Kunde fordert, ist kein Sparen — es sind zusätzliche Kosten mit Nachlass, plus dauerhafter Pflegeaufwand über den gesamten Zyklus.

Die Reihenfolge der Fragen lautet deshalb: Welche Nachweise brauche ich tatsächlich? Und erst dann: Wie führe ich sie am günstigsten zusammen?

Praktisches Vorgehen bei bestehender Zertifizierung

Sie sind bereits nach einer Norm zertifiziert und wollen erweitern:

  1. Prüfen, was übertragbar ist. Kontext, Führung, Dokumentenlenkung, Auditprogramm stehen bereits.
  2. Die normspezifischen Lücken bestimmen. Bei ISO 14001 die Umweltaspekte, bei ISO 45001 Gefährdungsermittlung und Beteiligung, bei ISO 27001 Risikobeurteilung und Anhang A.
  3. Das bestehende System erweitern, nicht daneben bauen. Dieselben Dokumente ergänzen.
  4. Erweiterungsaudit terminieren — sinnvoll zusammen mit dem nächsten Überwachungsaudit, damit die Zyklen zusammenlaufen.

Ab dann läuft alles in einem Rhythmus: ein Auditteam, ein Termin, ein Bericht.

Häufige Fragen

Woher kommt die Ersparnis genau?

Aus den gemeinsamen Kapiteln. Kontext der Organisation, Führung, Planung, Ressourcen, Dokumentenlenkung, interne Audits, Managementbewertung und Verbesserung sind bei den Managementsystemnormen seit 2015 weitgehend deckungsgleich. Werden sie einmal geprüft statt zweimal, entfällt der doppelte Auditaufwand für diesen Teil. Die normspezifischen Kapitel — Umweltaspekte, Gefährdungen, Anhang A — müssen weiterhin einzeln geprüft werden.

Muss ich beide Normen gleichzeitig einführen?

Nein, aber es ist der günstigste Weg. Wer nacheinander zertifiziert, kann die zweite Norm beim nächsten Überwachungsaudit oder zur Rezertifizierung integrieren. Dann fällt einmalig ein Erweiterungsaudit an, danach laufen die Zyklen gemeinsam.

Was heißt integriert konkret?

Eine Dokumentenlenkung statt drei, eine Prozesslandkarte, ein Auditprogramm, eine Managementbewertung, ein Satz Verfahrensanweisungen mit den jeweils normspezifischen Ergänzungen. Nicht integriert ist, wenn drei Handbücher nebeneinander existieren, die dieselben Kapitel dreimal beschreiben — dann ist auch kein integriertes Audit möglich.

Welche Kombinationen sind sinnvoll?

ISO 9001 mit ISO 14001 und ISO 45001 ist der Klassiker, weil die Struktur identisch und die Zielgruppe dieselbe ist. ISO 14001 mit ISO 50001 passt, wenn Energie der bedeutendste Umweltaspekt ist. ISO 27001 mit ISO 27701 setzt ohnehin aufeinander auf. Weniger sinnvoll ist eine Kombination allein wegen des Rabatts.

Erhöht ein integriertes System das Risiko im Audit?

Ein wenig. Findet der Auditor eine Schwäche in einem gemeinsamen Kapitel — etwa im internen Auditprogramm — wirkt sie auf alle Normen zugleich. Der umgekehrte Effekt überwiegt aber: Ein integriertes System wird tatsächlich gepflegt, während parallele Systeme meist eines verkümmern lassen.

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