Das Voraudit ist eine Probeprüfung, die Sie freiwillig beauftragen und zusätzlich bezahlen. Ein Auditor sieht sich das System an, gleicht es gegen die Normanforderungen ab und benennt, was im echten Audit zur Abweichung führen würde. Es ist kein Bestandteil des Zertifizierungsverfahrens und verkürzt es auch nicht.
Was ein Voraudit leisten darf — und was nicht
Hier liegt die häufigste Enttäuschung. Akkreditierte Zertifizierungsstellen unterliegen einem Beratungsverbot gegenüber ihren Zertifizierungskunden. Der Grund ist Unparteilichkeit: Wer ein System mitentwickelt, kann es später nicht unabhängig bewerten.
Praktisch heißt das: Der Auditor sagt Ihnen, dass die Managementbewertung nicht alle geforderten Eingaben enthält. Er entwirft Ihnen keine Vorlage dafür. Wer im Voraudit Umsetzungshilfe erwartet, hat den falschen Dienstleister beauftragt — dafür ist die Gap-Analyse mit einem Berater da.
Das Voraudit hat dafür einen Vorteil, den keine Beratung bietet: Es wird von jemandem durchgeführt, der später genau so prüfen wird. Sie erfahren nicht nur, ob eine Anforderung erfüllt ist, sondern wie streng eine Zertifizierungsstelle den Punkt auslegt.
Wann sich der zusätzliche Tagessatz rechnet
Ein Voraudit kostet mindestens einen Tagessatz plus Reisekosten. Diesen Betrag rechtfertigt es in drei Situationen.
Erstens, wenn eine harte Frist am Zertifikat hängt — eine Ausschreibung, eine Kundenanforderung mit Stichtag. Eine Hauptabweichung im Stufe-2-Audit kostet Wochen, und die haben Sie dann nicht.
Zweitens, wenn Sie das System ohne externe Begleitung aufgebaut haben. Dann fehlt der Abgleich mit fremden Augen vollständig, und das Voraudit ist die einzige Rückmeldung vor dem Ernstfall. Wie weit man ohne Berater kommt, steht unter Zertifizierung ohne Berater.
Drittens bei Normen mit hoher Regelungsdichte, in denen ein einzelnes fehlendes Element das gesamte Verfahren blockiert.
In allen anderen Fällen ist das Voraudit ein Komfortposten. Ein System, das ein vollständiges internes Auditprogramm und eine Managementbewertung hinter sich hat, ist bereits geprüft — von Ihnen selbst.
Die Verwechslung mit dem Stufe-1-Audit
Das Stufe-1-Audit ist Pflicht und Teil der Erstzertifizierung. Es prüft, ob Sie auditbereit sind: Ist der Geltungsbereich sauber beschrieben, liegt die Dokumentation vor, wurde intern auditiert, gab es eine Managementbewertung, sind die rechtlichen Anforderungen ermittelt.
Genau diese Punkte sind auch der Kern eines Voraudits. Wer beides beauftragt, prüft zweimal dasselbe und zahlt zweimal. Sinnvoll ist die Kombination nur, wenn zwischen Voraudit und Stufe 1 genug Zeit für echte Nacharbeit liegt — sonst ist das Stufe-1-Audit die günstigere Variante, weil es ohnehin bezahlt wird.
Der Fehler in der Terminplanung
Ein Voraudit acht Wochen vor dem Stufe-2-Audit ist meist wertlos. Die Befunde betreffen typischerweise Nachweise, die über einen Zeitraum entstehen müssen: Aufzeichnungen aus dem laufenden Prozess, ein zweiter Managementbewertungszyklus, wiederholte Wirksamkeitsprüfungen.
Setzen Sie den Termin deshalb früh in die Projektplanung, nicht kurz vor den Ernstfall. Wie sich der Ablauf zeitlich staffelt, beschreibt Dauer einer ISO-Zertifizierung; was im ersten Jahr insgesamt zusammenkommt, steht unter Erstzertifizierungskosten.
